Fuchsjagd und Tollwut
Inhalt
Zentrale Punkte
- Deutschland ist seit dem Jahr 2008 offiziell tollwutfrei.
- Die Immunisierung von Fuchspopulationen gegen die Tollwut mit Hilfe von aus Flugzeugen abgeworfenen Impfködern hat sich als hocheffektiv erwiesen
- Die Bejagung bzw. Bekämpfung von Füchsen begünstigt die Tollwutausbreitung dagegen sogar, weil sie zu steigenden Geburtenraten und damit einer größeren Zahl reviersuchender Jungfüchse führt, die auf ihren kilometerlangen Wanderungen die Tollwut erst in neue Gebiete einschleppen.
- Die Fuchsbekämpfung erwies sich überdies als weitaus teurer als die Impfaktionen
Fuchsbejagung und Tollwutausbreitung
Berberich W., `Oleire-Oltmanns W. (1989): Das Raum-Zeit-System des Rotfuchses, Forschungsbericht Nr. 17 der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden
- “Eine Bejagung des Fuchses im Nationalpark als Präventivmaßnahme gegen eine Ausbreitung der Tollwut erscheint fragwürdig. Die im Frühjahr und Herbst 1988 von der WHO durchgeführten Impfaktionen werden als einzig adäquate Maßnahme betrachtet.”
- Im Nationalpark Berchtesgaden werden Füchse nicht bejagt.
Debbie, J. (1991): Rabies control of terrestrial wildlife by population reduction. In: Baer, G.M. (Ed.), The natural History of Rabies. CRC Press, Boca Raton.
- Nahezu weltweit wurde die Bejagung der primären Überträgerspezies zunächst als Mittel zur Tollwutbekämpfung eingesetzt. Allerdings blieben diese Ansätze in aller Regel erfolglos, weil mit jagdlichen Mitteln die Dichte der meisten Spezies nicht auf das Niveau abgesenkt werden kann, das erforderlich ist, um die Tollwutausbreitung zum Erliegen zu bringen. Insgesamt ist der Einfluss der Jagd auf die Populationsdichte der betreffenden Spezies vernachlässigbar.
- Jagd kann sich kontraproduktiv auswirken, weil sie die Reproduktionsrate der betroffenen Spezies erhöht und dadurch Wanderbewegungen in der Population fördert.
Macdonald D. (1993): Unter Füchsen – Eine Verhaltensstudie. Knesebeck, München
- “Die Krankheit lässt sich nur bekämpfen, wenn sich die Kontaktrate senken lässt. Folglich versuchten die staatlichen Gesundheitsämter die Tollwut zu bekämpfen, indem sie zu massiven Abschlachtkampagnen gegen Füchse aufriefen. Der Plan sah vor, die Fuchsbestände auf einen so niedrigen Wert zu drücken, dass tollwütige Füchse vor ihrem Tod möglichst keine Gelegenheit mehr hatten, andere Tiere anzustecken. Hunderttausende von Füchsen wurden in Europa vergiftet, vergast und abgeschossen. Die Krankheit hat sich dennoch in gleichmäßigem Tempo weiter ausgebreitet.”
- “Der Misserfolg hat viele Gründe: Einmal können Fuchsbestände den Aderlass ausgezeichnet abpuffern. Wollte man die Krankheit länger als nur für eine Fortpflanzungssaison bremsen, müsste man in verseuchten Gebieten mindestens 60 Prozent der Füchse vernichten.”
- Im Feld ist der Jagddruck i.d.R. hoch, im deckungsreichen Wald eher niedrig. “Revierlose Jungtiere wandern zwangsläufig in die freiwerdenden Territorien der offenen Landschaft ab und sorgen für einen regen Grenzverkehr. Da in dem sozialen Chaos der intensiv bejagten Feldfuchs-Gesellschaft Kämpfe und wohl auch Verletzungen an der Tagesordnung sind, hat das Tollwutvirus hier beste Chancen, sich rasch auszubreiten.
- “(Impfköder) haben den großen Vorteil, dass das Sozialsystem der Füchse intakt bleibt. Zudem ist Impfen weit billiger, als die Füchse in arbeits- und kostenintensiven Einsätzen zu töten, von ethischen Bedenken ganz zu schweigen.”
Schneider L.G. (1991): Einfluß der oralen Immunisierung auf die Epidemiologie der Tollwut. Fuchs-Symposium Koblenz, 2.-3.März 1990. Heft 20 d. Schriften des Arbeitskreises Wildbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen e.V., Melsungen.
- Tollwutbekämpfung: Bei einer ökonomischen Gegenüberstellung der (erfolglosen) Fuchsbekämpfung mit Jagd und Baubegasungen und den Impfaktionen ergibt sich, dass die Kosten für die Fuchsbekämpfung die Aufwendungen für die Impfaktionen um das 13fache überstiegen.
Immunisierungsstrategien
Eisinger D., Thulke H.H., Selhorst T., Müller T. (2005): Emergency vaccination of rabies under limited resources – combating or containing? BMC Infectious Diseases 5:10
- Beim lokalen Auftreten von Tollwut ist eine lokale kreisförmige Tollwutimmunisierung erfolgreich.
Müller T. et al. (2012): SURVIS: a fully-automated aerial baiting system for the distribution of vaccine baits for wildlife, Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 125, Heft 5/6
- “Die großflächige Flugzeugauslage von Impfködern wird seit Jahren erfolgreich bei der Bekämpfung der sylvatischen Tollwut in Europa und Nordamerika eingesetzt. Ein technischer Meilenstein auf diesem Weg in Europa war die Entwicklung einer vollautomatischen, computergestützten und kostengünstigen Technologie für die automatisierte Auslage von Impfködern per Flugzeug wie zum Beispiel das SURVIS-System. Jeder abgeworfene Köder wird durch einen Sensor erfasst, wobei die genaue Position, die Zeit und das Datum des Abwurfes gespeichert werden.”
- Manuelle Köderauslage durch Jäger ist ineffektiv, aufwändig und kann auf großen Flächen und in schwer zugänglichen Gebieten nicht durchgeführt werden. Außerdem empfanden die zweimals jährlich erfolgende Köderauslage viele Jäger als mühsam und zu anstrengend und nahmen deswegen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt daran teil. Vielerorts (z.B. Italien, 2009) ist die manuelle Köderauslage schlicht gescheitert/konnte die Tollwut nicht zurückdrängen.
- Erst der Abwurf von Ködern aus Flugzeugen war flächendeckend erfolgreich (z.B. Sachsen-Anhalt, 1995 – dort wurde SURVIS das erste Mal eingesetzt -, Österreich (seit 2000), Polen (seit 2007), Türkei (ab 2008), Lettland (seit 2008), usw.). Seit 1999 ist SURVIS das einzige in Deutschland eingesetzte System.
- Bei jedem Flug können bis zu 20.000 Köder vollautomatisch abgeworfen werden.
- SURVIS ist nicht nur zur Tollwutimpfung geeignet, sondern auch für andere oral zu verabreichende Köder. Erfolgreiche Einsätze schon im Hinblick auf Schweinepest (seit 2001) und Echinokokkose.
Aubert M.F.A. (1999): Costs and benefits of rabies control in wildlife in France. Revue scientifique et technique (International Office of Epizootics) 1 : 533-543
- Evaluation der durch die Tollwut in Frankreich verursachten Schäden und Gegenüberstellung mit den durch ihre Bekämpfung verursachten Kosten
- In diesem Zusammenhang wurden auch die Kosten für die Intensivierung der Fuchsbejagung (mit dem angestrebten Ziel der Dezimierung der Population) mit den Kosten für die Impfung der Fuchspopulation durch Köderauslage verglichen.
- Bis zum vierten Jahr sind die Kosten für die Maßnahmen vergleichbar, danach hat die Beköderung deutliche Kostenvorteile
- Hinzu kommt, dass durch Bejagung keine nachhaltige Reduktion des Tollwutvorkommens erreicht werden kann, die Impfung sich dagegen selbst bei steigenden Fuchspopulationen als wirksam erwiesen hat.
Müller, T., Bätza, H. J., Freuling, C., Kliemt, A., Kliemt, J., Heuser, R., Schlüter, H., Selhorst, T., Vos, A., Mettenleiter, T.C. (2012): Tilgung der Fuchstollwut in Deutschland mithilfe der oralen Immunisierung. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 125 (5/6): 178–190
- Historischer Überblick über die Entwicklung der Tollwut in Deutschland
- Die Anzahl der Tollwutfälle (bei Tieren) sank von 10484 im Jahr 1983 auf 3 Fälle im Jahr 2006. Seitdem sind keine Tollwutfälle verzeichnet.
- Seit 2008 ist Deutschland offiziell tollwutfrei
- Die Eliminierung der Tollwut in Deutschland kostete etwa 100 Millionen Euro, von denen 37 Millionen von der EU getragen wurden.